Dieter Call & Anja Voigt "Mobile Forschungsstation"

Projekte

Projekt Innerdeutsche Grenze

Essenz einer Landschaft

 

Eine Grenze ist zunächst nichts anderes als eine gedankliche oder physische Linie, welche zwei Dinge voneinander trennt. Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen den Siegermächten (USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich) aufgeteilt und es entstanden ab dem Jahr 1949 zwei neue deutsche Staaten: die Bundesrepublik Deutschland (BRD) und die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Ab 1952 begann die DDR die Grenze verstärkt zu sichern, um die zunehmende Abwanderung der eigenen Bevölkerung nach Westdeutschland zu unterbinden. Durch die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1989 entstand entlang des ehemaligen Grenzstreifens ein Naturschutzgebiet von ca. 1380 km Länge: „Das Grüne Band“. Diese sogenannte innerdeutsche Grenze wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend zu einer eigenständigen Landschaft, ja geradezu zu einem nationalen Naturmonument. Unser Projekt „Essenz einer Landschaft“ (seit Mai 2020) soll uns in die Bereiche der sinnlich-partizipativen Wahrnehmung führen. Es gilt Materialien im Sinne der künstlerischen Spurensicherung zu bewahren und zu archivieren. Dies erscheint in Anbetracht der politischen Aggression und ihrer Historie geradezu lapidar, jedoch den Bildungsauftrag als Künstler anzunehmen, erscheint gerade in der heutigen Zeit unabdingbar. Die innerdeutsche Grenze als eigenständige Landschaft wahrzunehmen und dabei Bezüge zu politisch motivierter Kulturteilung aufzugreifen, ist für uns ein wichtiges künstlerisches Unterfangen.

 


Projekt Max-von-Schillings-Platz(2013 - 2019)
Auf - und Rückbau eines Platzes in 5 Phasen

 

Die Idee der Erschließung eines Platzes zu Ehrung Max von Schillings entstand vor dem Hintergrund seines lokalen Bezugs zum Ort Düren und dem Schillingspark. Der in Düren geborene Komponist Schillings komponierte seine erfolgreichste Oper „Mona-Lisa“ (1915) im heutigen Schillingspark Düren-Gürzenich, einem in der Spätromantik angelegten Parkgelände.
Im Wegenetz des Schillings Parks richtete das Team der Mobilen Forschungsstation performativ eine Baustelle im Zeitraum vom 18. bis 20. Mai 2013 ein. Die Baustelle als lärmendes Hindernis verengte und verdichtete den Ort und erschwerte das Passieren der Ausflügler. Das Unternehmen unterteilte sich in die Prozesse des Erschließens der Baufläche, den Bauablauf inkl. manueller Fertigung von 4,8 x 30 x 30 cm Betonplatten bis zum Baustopp und der Feststellung von schadhaften Stoffen und dem daraus folgenden fachgerechten Rückbau.
Mit der Aktion „Auf- und Rückbau eines Platzes“ wurde das Verbleiben von Schillings in der Vergessenheit temporär unterbrochen. Schillings hatte sich um eine solche Ehrung nicht verdient gemacht. In unseren Recherchen mussten wir feststellen, dass der Komponist seit 1933 Mitglied in der NSDAP gewesen war. Während seiner Amtszeit als Präsident der Preußischen Akademie der Künste beriet er über den Verbleib solcher Kunstwerke, die in den Augen der Nationalsozialisten als „entartet“ galten.
Die Methode der Benennung und Umbenennung von Räumen ist Ausdruck von Macht: in ihr manifestiert sich die Inanspruchnahme einer Deutungshoheit über die Signifikanz gesellschaftlicher und historischer Personen. Ist so ein Raum von seinem kulturellen Erbe belegt, bleibt als radikalste Antwort nur die Entsorgung.


 

1. Phase: bauliche Platzerfassung und Visualisierung im Schillingspark Düren/ NRW - 18. bis 19. Mai 2013

2. Phase: Der unvollendete Max-von-Schillings-Platz wird Rückgebaut d.h. alle Materialien werden entfernt und separat gesichert - 20. Mai 2013

3. Phase: Aktion "Mona Lisa" Völklinger Hütte/ Saarland - 13. Januar 2016. Die durch die ersten beiden Phasen entstandenen belasteten Baustoffe (4,8 x 30 x 30 cm Betonplatten),werden für das Recycling vorbereitet und für die fachgerechte Entsorgung zerkleinert.

4. Phase: Das aufbereitete Granulat wird nach intensiver Prüfung in mehreren Vorgängen fachgerecht entsorgt und der Landschaft kontrolliert zugeführt - 30. Januar 2016 - 21. Juni 2019

5. Phase: "Hühnerprojekt" - Der letzte Rest des Max-von-Schillings-Platzes wird mittels 13 Hühnern nunmehr endgültig durch einen Prozess des Verscharrens neutralisiert. Roßleben/ Thüringen - 21.Juni 2019.

 

Auf- und Rückbau eines Platzes, Düren (NRW) 18.-20. Mai 2013


Aktion "Mona Lisa" Völklingen (Saarland) 30. Januar 2016



"Hühnerprojekt" Roßleben (Thüringen), 21. Juni 2019

 


 

 

© Dieter Call & Anja Voigt
www.mobileforschungsstation.com

UrbanoPanoPanik
Federschlagspiel für den öffentlichen Raum



Materialauflistung:
-Zwei metallverstärkte Holzstangen zur Befestigung des Netzes
-Spannnetz in häuslicher Handwerkstechnik
-2 – 4 Schläger in Signalfarbe
-Federball ( gelb )
-Warnwesten

 

Ziel der Handlung ist es, den Federball mittels Rückschlag möglichst lange in der Luft zu halten.

Das Spielfeld verlegt man am besten auf eine befahrene Straßenkreuzung, eine Verkehrsinsel oder einen anderen öffentlichen Ort im Außenbereich. Desweiteren sind bei der Auswahl des Feldes kaum Grenzen gesetzt. U P P kann von zwei oder maximal vier Spielern ausgeübt werden.

Man suche sich ein imaginäres Handlungsfeld, welches durch das zwischen den Stangen aufgespannte Netz definiert wird und zudem durch vier Signalpoller markiert ist. Aus Sicherheitsgründen tragen alle Beteiligten Warnwesten.
Der Spieler schlägt den Federball über das Netz in das gegenüberliegende Feld. Der Ball darf dabei nicht den Boden berühren. Wie Tennis und Tischtennis gehört U P P zu den sogenannten Rückschlagspielen. Der jeweilige Mitspieler wird durch den Flug des Balls zum Rückschlag aufgefordert. Für den Absender beziehungsweise Empfänger ergibt sich dadurch die Notwendigkeit des Rückschlags.

Mit dieser Spielmethode kann spielerisch und sehr spontan in nahezu jeden geregelten Verkehrsverlauf eingegriffen werden. Hierzu gehören beispielsweise jegliche Formen von Fuss- und Fahrwegen, als auch Zebrastreifen und Verkehrsinseln. Oftmals stellt die nahezu flächendeckende Bebauung beziehungsweise Betonierung des öffentlichen Raumes die größte und entscheidende Herausforderung dar.

Der Vorläufer des U P P, das Federballspiel, war früher vor allem an Fürstenhöfen sehr beliebt. Schon im 16. Jahrhundert wurden federbespickte Bälle vor allem von Erwachsenen als Gesellschaftsspiel in höheren Kreisen verwendet. Nachdem es sich in den folgenden Jahrzehnten vorwiegend zum Kinderspiel entwickelte, erhob erst im 19. Jahrhundert der Herzog von Beauford auf seinem Landsitz Badminton das Spiel wieder zum Erwachsenenspiel. Hieraus ergab sich die Bezeichnung für die heute weit verbreitete Sportart Badminton.

 

 

rechts | Performance Hotel Stuttgart, 2010.
Anwendung des Urbanen Federschlagspiel U P P
in Stuttgart Ost

unten links | Schillingspark Düren, 2014. Spielerisches
Eingreifen der Beteiligten während der Aktion "Parkraum"

unten rechts | EUROPANOPANIK -
PICKNICK in Stuttgart, 2009.
Vorplatz des Kulturinstituts der Republik Ungarn